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Brückenbau per Landwirtschaft
Nachdem Rudi Berli (von der westschweizer BäuerInnengewerkschaft Uniterre) letzten November an einem von attac-bern organisierten Suppenznacht die Agriculture Contractuelle de Proximité (ACP), die Regionale Vertragslandwirtschaft, wie sie in der Westschweiz, in Frankreich und anderen Ländern in unzähligen Projekten betrieben wird, vorgestellt und erläutert hatte, erwuchs daraus die Vision, derartiges in der Deutschschweiz auch entstehen zu lassen. Das längst verbreitete Bedürfnis, nicht bloss Zugang zu saisonalen, regionalen und biologischen Nahrungsmitteln zu haben, sondern diese zudem nicht über die Detailhändler resp. Grossisten beziehen zu müssen - damit begann eigentlich alles.
Zwar wusste und weiss man oder frau über Bäuerliche Realitäten oft nur marginales, dass Zwischenhändler die Ankaufspreise landwirtschaftlicher Produkte aber massiv drücken, um (noch) mehr Absatz zu gewinnen, ist Wissen von Gestern. Hierzu ein Auszug aus der Schweizer Agrarpolitik 2011, deren Ziele, Perspektiven und Instrumente:
Die Landwirte müssen sich heute dem Markt stellen, Preis- und Absatzgarantien gehören der Vergangenheit an. Auch der Schutz vor der internationalen Konkurrenz wird geringer, und es ist für die Schweizer Landwirtschaft eine grosse Herausforderung, die Marktanteile zu halten. [1]
Marktanteile also. Und WTO-Richtlinien…
Heute - im Gegensatz zu Gestern – soll es nicht mehr um Preisdrückerei und Gewinn gehen, welche den Beruf der/des LandwirtIn zunehmend präkarisieren und die einzelnen Betriebe immer weiter von einander isolieren. Sondern, so die Idee und der Plan, um den Aufbau von unabhängigen ProduzentInnen-KonsumentInnen-Netzwerken, welche in gegenseitiger Kooperation gemeinsam eine autonome Nahrungsmittelproduktion planen, mittragen und schliesslich auch sichern. In anderen Worten: Ernährungssouveränität. Und: Wiederaneignung enteigneter Produktion.
Aus der Nähe würde eine der möglichen Formen eines solchen Netzwerkes ungefähr folgendermassen aussehen: ProduzentInnen und KonsumentInnen begegnen sich in einer ersten Phase, um die Produktionsplanung des folgenden Jahres gemeinsam auszuhandeln. Dabei richten sich die ProduzentInnen an gemeinsam festgelegte soziale und ökologische Standards (in der Westschweiz wurde dafür die Charta des Westschweizer Verbandes der Vertragslandwirtschaft FRACP ausgearbeitet[2]), die KonsumentInnen widerum garantieren den ProduzentInnen eine ökonomische Nachhaltigkeit, indem sie eine Produktabnahme sowie ein Mittragen von Risiko, zum Beispiel im Falle eines Ernteschadens, garantieren. Sind (in diesem konkreten Beispiel) Obst- und Gemüseproduktion in Menge, Produktionsart, Preis, Lieferungsrythmus, Vorauszahlung und geteiltem Produktionsrisiko erst einmal festgelegt, wird ein Vertrag geschlossen. Darin verpflichten sich die Parteien wechselseitig zu Produktion und Abnahme.
In den meisten Formen der Agriculture Contractuelle de Proximité, wie sie in der Westschweiz präsent ist, erhalten die KonsumentInnen von nun an wöchentlich einen Gemüsekorb, welcher meist in städtische Depots geliefert wird. Dabei müssen die Transportwege der ProduzentInnen kurz gehalten werden, die KonsumentInnen widerum sollen per ÖV die jeweiligen Depots erreichen können. Im Gegenzug, meist zur Erntezeit, wenn bei den BäuerInnen besonders viel (Laien-)Arbeit anfällt, dürfen resp. sollen die KonsumentInnen stundenweise auf den Höfen Unterstützung leisten. Jätten, pflücken, ernten - Arbeit gibt es immer und genug.
Mit den Jahren (und Ernten) soll so zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen ein Band geflochten werden –stärker und dichter, als es sich die Agrarpolitik und -lobby 2011 in Realität wünschen.
Überproduktion, Unterbezahlung, Unsicherheit und Isolation der BäuerInnen sollen der Vergangenheit - gesunde, von Grund auf nachhaltige Ernährungsstrukturen der Zukunft gehören.
[1] Bundesamt für Landwirschaft (2004): Schweizer Agrarpolitik 2011, Ziele, Perspektiven, Instrumente.
[2] Siehe http://www.uniterre.ch/Dossiers/agriContractuelle.html unter Charte de la FRACP.
